Im Gespräch

Wer bin ich?

Womit das Selbstbild von Kindern und Jugendlichen zusammenhängt

Dr. Thorben Jansen und Dr. Jennifer Meyer arbeiten in der IPN-Abteilung Erziehungswissenschaft und Pädagogische Psychologie und leiten beide jeweils eine Nachwuchsgruppe am IPN. Bereits vor einiger Zeit haben sie eine umfassende Literaturzusammenfassung zu der Frage veröffentlicht, was die Motivation von Schüler*innen am meisten beeinflusst, an die sie nun anknüpfen. Gemeinsam mit den bekannten Bildungsforschern John Hattie von der University of Melbourne und Jens Möller von der Kieler Universität haben sie eine Metastudie zur Selbstwahrnehmung bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Mit dieser Studie ist den beiden erneut ein besonderer Publikationserfolg gelungen: Sie wurde in der renommierten Zeitschrift Psychological Bulletin veröffentlicht. Das IPN-Journal spricht mit Thorben Jansen und Jennifer Meyer über die Studie.

IPN Journal: Als eure erste umfassende Literaturzusammenfassung zum Thema Schülermotivation veröffentlicht wurde, habt ihr gleich angekündigt, dass euch als nächstes die Frage der Selbstwahrnehmung bei Schüleri*innen interessiert. Ihr habt dazu wieder unfassbar viel Literatur gesichtet und zusammengefasst. Insgesamt sind in eure Metastudie Daten von über 16 Millionen Schüler*innen aus mehr als 8.500 Primärstudien eingegangen. Ehe wir auf das Ergebnis zu sprechen kommen, interessiert mich, wie ihr die Studien ausgewählt habt, die eurer Meta-Analysen zugrunde liegen.

Thorben Jansen: Wir haben dieses Mal alle Metastudien eingeschlossen, die sich mit der Frage „Wer bin ich?“ beschäftigen. Da konnte es um die eigenen Fähigkeiten in Schule, im Sport oder auch soziale Fähigkeiten gehen. Die Breite der Datenbasis beinhaltete also Selbsteinschätzungen in unterschiedlichen Bereichen, zum Beispiel zur Frage, ob eine Grundschülerin glaubt, dass sie gute Leistungen in Mathe erbringen kann, bis zur Frage, ob Schüler*innen glauben, in ihrer Klasse beliebt zu sein.

IPN Journal: Warum ist es für Heranwachsende so wichtig, auf die Frage, „Wer bin ich?“ eine Antwort zu finden? Und was macht die Entwicklung einer positiven Selbstwahrnehmung für Kinder und Jugendliche so essenziell?

Jennifer Meyer: Wie wir uns selbst wahrnehmen, prägt maßgeblich unser Denken und Handeln. Deshalb gehört die Frage nach dem Selbst bzw. der Selbstwahrnehmung zu den zentralen Themen der Psychologie. Besonders bei Heranwachsenden spielt sie eine entscheidende Rolle, da in dieser Lebensphase wichtige Grundlagen für Bildung, Identität und soziale Beziehungen gelegt werden. Wer überzeugt ist, Ziele erreichen zu können und handlungsfähig zu sein, zeigt oft mehr Einsatz und hat dadurch auch größeren Erfolg. Dafür spielt die Selbstwahrnehmung eine große Rolle.

»Schüler*innen, die sehen, dass sie in einem wichtigen Lebensbereich wie der Schule gute Leistungen erbringen, haben ein positiveres Selbstbild.«

IPN Journal: Und wie können Schüler*innen ein positives Selbstbild entwickeln? Könnt ihr an einem konkreten Beispiel aufzeigen, welche Bedingungen hier eine wesentliche Rolle spielen?

Thorben Jansen: Wir finden starke Zusammenhänge zu schulischen Leistungen. Konkret bedeutet dies, dass Schüler*innen, die sehen, dass sie in einem wichtigen Lebensbereich wie der Schule gute Leistungen erbringen, ein positiveres Selbstbild haben.

Jennifer Meyer: Emotionen und die wahrgenommene soziale Unterstützung spielen dabei auch eine große Rolle. Kinder, die sich in ihrer Umgebung wohlfühlen, nehmen sich oft auch selbst positiver wahr.

IPN Journal: Das klingt erst einmal nicht besonders überraschend. Was macht eure Erkenntnisse dennoch besonders?

Jennifer Meyer: Das stimmt, unsere Ergebnisse enthalten keine besonderen Überraschungen oder neue Erkenntnisse. Der Mehrwert unserer Literaturzusammenfassung besteht darin, übergreifend über verschiedene Teilbereiche und Faktoren Zusammenhänge mit der Selbstwahrnehmung zu quantifizieren sowie blinde Flecken in der Literatur aufzudecken. Wir haben beispielsweise kaum Studien gefunden, die sich mit der Rolle der Lernumwelt beschäftigen: Es gibt nur wenig Evidenz in Bezug auf Faktoren auf Klassenebene. Solche Ergebnisse wären jedoch hilfreich um besser zu verstehen, wie positive Selbstwahrnehmungen im Klassenkontext gefördert werden können.

IPN Journal: Euer Co-Autor, John Hattie, ist mit seiner Metastudie „Visible Learning“ und der daraus abgeleiteten Botschaft „Auf die Lehrkraft kommt es an“ bei allen, die mit Bildung zu tun haben, berühmt geworden. Wenn ihr eure Studie in einem Satz zusammenfasst, der ähnlich kernig formuliert ist, wie würde der lauten?

Jennifer Meyer: Auf die sozio-emotionale Lernumgebung kommt es an.

Thorben Jansen: Ich gehe mit: Erfolge sichtbar machen.

IPN Journal: Steht das nicht im Widerspruch zu den Ergebnissen zur Lehrkraft von Hatties Metastudie Visible Learning?

Jennifer Meyer: Es ist schwierig, das zu vergleichen. Die Datenbasis zu Schulleistungen und zu Selbstwahrnehmung ist sehr unterschiedlich, was man auch daran erkennt, dass in unserer Zusammenfassung nur wenige Meta-Analysen sich konkret auf die Gestaltung des Klassenkontexts beziehen. Es zeigt, dass mehr meta-analytische Forschung in diesem Kontext notwendig ist, und unterstreicht, dass die Bildungsforschung die Selbstwahrnehmung möglicherweise zumindest meta-analytisch im Vergleich zu Schulleistungen noch vernachlässigt hat.

IPN Journal: Und wie war es, mit dem Star der Bildungsforschung John Hattie zusammenzuarbeiten?

Thorben Jansen: Inspirierend leicht. John bringt australische easy-going-Mentalität für die heißen Phasen eines so wichtigen Projektes mit. Wir werden die Kooperation fortsetzen. Bezüglich seines Star-Status, war für mich besonders spannend mit ihm über den Spagat zwischen medialer Berühmtheit insbesondere für Lehrkräfte, also der aktuell viel diskutierten third mission der Universitäten und seiner Rolle als Forscher zu sprechen.

»Die Förderung von Kompetenzen und der Einsatz spezifischer Interventionen zur Förderung der positiven Selbstwahrnehmung sind bei Kindern und Jugendlichen vielversprechend.«

IPN Journal: Das klingt nach einer bereichernden Zusammenarbeit, doch zurück zu den Inhalten: Was bedeuten eure Erkenntnisse für die Praxis? Was können Lehrkräfte im Unterricht tun, damit Kinder und Jugendliche ein positives Selbstbild entwickeln? Inwiefern können Schulen als Einrichtung oder die Kultusministerien dazu beitragen?

Jennifer Meyer: Unsere Metastudie bietet zunächst vor allem einen Überblick über die Literatur. Um Konsequenzen für die Praxis abzuleiten, würden wir empfehlen, die Ergebnisse in Zusammenarbeit mit Forschenden zu interpretieren und im besten Fall auch noch einmal die zugrundeliegenden Interventionsstudien und Experimente zu Rate zu ziehen. Generell lässt sich jedoch ableiten, dass sowohl die Förderung von Kompetenzen als auch der Einsatz spezifischer Interventionen zur Förderung der positiven Selbstwahrnehmung bei Kindern und Jugendlichen vielversprechend sind.

IPN Journal: An welcher Stelle stößt eure Studie an ihre Grenzen?

Jennifer Meyer: An vielen. Die Studie gibt zwar einen guten Überblick über die vorliegenden meta-analytischen Befunde, also ermöglicht Einschätzungen, zu welchen Fragestellungen genügend (belastbare) Evidenz vorliegt, aber die Details fehlen. Wir konnten viele Faktoren nicht berücksichtigen, beispielsweise Unterschiede in den verschiedenen Bereichen der Selbstwahrnehmung: Wir können keine Aussagen darüber machen, ob das Sportselbstkonzept mit anderen Faktoren zusammenhängt als beispielsweise das soziale Selbstkonzept. Es ist jedoch anzunehmen, dass diese Domäne eine große Rolle spielt, so dass hier spezifischer Analysen notwendig sind, um die Zusammenhänge besser zu verstehen und passgenaue Interventionen, auch für unterschiedliche Schülerinnen und Schüler abzuleiten.

Thorben Jansen: Außerdem bezieht sich das Selbstbild immer nur auf die Lebensbereiche, die einem wichtig sind. So kann es für sportlich aktive Menschen wichtig sein, eine Medaille zu gewinnen, während andere sportliche Leistungen unwichtig sind. Diese Dimension konnten wir in unserer Studie aber leider nicht berücksichtigen.

Jennifer Meyer: Außerdem bilden die Ergebnisse nur Zusammenhänge ab, wir wissen nicht, in welche Richtung die Effekte wirken. Die Frage, was zuerst da ist, beispielsweise die positiven Selbstwahrnehmung oder die positiven Emotionen oder Schulleistungen, das können wir mit den Daten nicht beantworten.

IPN Journal: Ausgehend von dieser Metastudie, wie geht es in eurer Arbeit weiter?

Thorben Jansen: Nach der Motivation und Selbstwahrnehmung ist als nächstes Schulleistung dran. Visible Learning bereitet die Ergebnisse sehr umfassend für Lehrkräfte auf, allerdings fehlt noch eine Zusammenfassung der Meta-Analysen für die Forschung.

IPN Journal: Vielen Dank für das Gespräch!

Über Thorben Jansen und Jennifer Meyer:

Dr. Thorben Jansen ist Mitarbeiter der Abteilung Erziehungswissenschaft und Pädagogische Psychologie am IPN. Zuvor studierte er Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Am IPN leitet er die Nachwuchsgruppe Digital Argumentation Instruction for Science (DARIUS), die erforscht, wie schriftliches naturwissenschaftliches Argumentieren von Schüler*innen mithilfe von automatisierten formativen Beurteilungen gefördert werden kann. Ziel des durch die Telekom-Stiftung geförderten Projektes ist die Entwicklung eines digitalen Lerntools, mit dessen Hilfe Schüler*innen das schriftliche naturwissenschaftliche Argumentieren erlernen und trainieren können. tjansen@leibniz-ipn.de

Dr. Jennifer Meyer ist seit Februar 2025 Assistenzprofessorin für Pädagogische Diagnostik und Beratung in der Schule am Zentrum für Lehrer*innenbildung der Universität Wien. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Erziehungswissenschaft und Pädagogische Psychologie am IPN und leitete die Nachwuchsgruppe „Formatives Assessment beim Schreiben: Automatisiertes Feedback unter Verwendung von künstlicher Intelligenz (FORMAT)“. In dem Verbundprojekt mit der Universität Hildesheim untersuchte sie gemeinsam mit ihren Kolleg*innen, wie die automatisierte Bewertung von Texten unter Verwendung künstlicher Intelligenz bzw. darauf basierendes Feedback im Klassenzimmer eingesetzt werden kann, um die Leistungen der Schüler*innen zu fördern. jmeyer@leibniz-ipn.de

Weiterführende Quellen:

Die vollständige Metastudie ist hier zu finden: https://psycnet.apa.org/fulltext/2025-40542-002.html.