Der Beruf der Lehrkraft: hochgeschätzt und anerkannt?
Inwieweit sich Lehramtsstudierende wertgeschätzt fühlen
Lehrkräfte übernehmen eine der wichtigsten Aufgaben in unserer Gesellschaft: Sie bilden die nächste Generation aus. Doch wie steht es um die Wertschätzung im Lehramtsstudium aus? Eine Studie des IPN beleuchtet diese Frage.

Repräsentative Umfragen zeigen: Der Lehrberuf genießt in der Gesellschaft grundsätzlich ein hohes Ansehen. Er wird häufig in einem Atemzug mit Berufsgruppen wie Ärzt*innen und Anwält*innen genannt. Ein überwiegender Teil der Bevölkerung vertritt die Meinung, dass Lehrkräfte eine große Verantwortung tragen und einen anspruchsvollen Beruf ausüben. Insgesamt ergibt sich hier also ein recht positives Bild, zumindest aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive.
Hoher gesellschaftlicher Stellenwert, aber mangelnde Anerkennung
Fragt man hingegen Lehrkräfte selbst nach ihrer Wahrnehmung des gesellschaftlichen Ansehens des Lehrberufs, so entsteht ein ganz anderes Bild. Die OECD untersuchte in 31 Mitgliedsstaaten, ob Lehrkräfte sich in der Gesellschaft wertgeschätzt fühlen. Nur jede vierte Lehrkraft bejahte diese Frage. Woran liegt diese Diskrepanz zwischen der öffentlichen Meinung und der wahrgenommenen Wertschätzung bei Lehrkräften?
Zur Beantwortung dieser Frage wird häufig auf den Unterschied zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung verwiesen. Es wird sogar von einem „kollektiven Minderwertigkeitskomplex“ gesprochen. Demnach sei das empfundene Defizit an Anerkennung unbegründet – vielmehr handele es sich bei der vermeintlich geringen Wertschätzung um ein sorgsam gepflegtes Klischee statt um ein reales Problem.
Die Rolle der Medien
Doch so einfach ist es nicht. Das zeigt ein Blick in die Medienlandschaft und die Berichterstattung über Lehrkräfte, die das gesellschaftliche Bild und die im Beruf tätigen Lehrkräfte selbst prägen. Laut der Zeitschrift Focus würden Lehrkräfte „…auf Staatskosten das Leben genießen“, der Bild-Blog titelte ähnlich, dass sich „faule Lehrkräfte ein schönes Leben machen“, und selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung fragte vor ein paar Jahren provokant: „Wie faul sind Lehrer?“ Das im Knaur-Verlag erschienene und vom Spiegel als „ein furioses Buch“ rezensierte „Lehrer-Hasser-Buch“ von Lotte Kühn beschreibt laut Klappentext „unsere Lehrer, wie sie wirklich sind: unprofessionell, faul, ohne jede Ahnung von Kindern, hilflos, überfordert und total gestresst“. Es ist kaum vorzustellen, dass es ein ähnliches Buch für andere Berufsgruppen gibt – das Ärzte-Hasser-Buch oder BWLer-Hasser-Buch? Vermutlich unverkäuflich.
Während der Corona-Pandemie – insbesondere während der Lockdowns und Schulschließungen – rückte das Thema Schule und Unterricht in den medialen Fokus. Einerseits gab es in der Öffentlichkeit konstruktive Diskussionen über den besten Weg, Schüler*innen trotz verordneter Schulschließungen zu unterrichten. Andererseits urteilten manche Medien schnell mit dem Vorwurf, dass sich das Engagement der Lehrkräfte während der Pandemie in Grenzen hielte. Studien weisen jedoch auf, dass Lehrkräfte in der Pandemie ein erhöhtes Arbeitspensum bewältigen mussten, sie sich in der Zeit allerdings schlecht repräsentiert und verstanden gefühlt haben. Dies führte bei Lehrkräften zu einer zusätzlichen psychischen und emotionalen Belastung.

Abbildung 1: Prozentualer Anteil der Lehrkräfte, die zustimmen, dass ihr Beruf in der Gesellschaft wertgeschätzt wird. Die Werte stammen aus der 2018 durchgeführten TALIS-Befragung der OECD. TALIS bedeutet: Teaching and Learning International Survey. Es handelt sich um eine groß angelegte internationale Studie zu Lehrkräften und Schulleitungen, die in 31 OECD-Ländern in regelmäßigen Abständen durchgeführt wird. OECD (2020), TALIS 2018 Results (Volume II): Teachers and School Leaders as Valued Professionals, TALIS, OECD Publishing, Paris. https://doi.org/10.1787/19cf08df-en.
Deutschland hat an dieser Studie nicht teilgenommen. Allerdings konnten in einer im Jahr 2010 durchgeführten Befragung unter Lehrkräftenin Deutschland nur deutlich weniger als ein Viertel der befragten Lehrkräfte zustimmen, dass sie ein hohes Ansehen genießen.
Vom Mythos der Negativselektion

Die Wertschätzung von Lehrkräften beginnt bereits in ihrem Studium. Wie werden also diejenigen wahrgenommen, die sich auf diesen wichtigen Beruf vorbereiten? Um dieser Frage nachzugehen, führt kein Weg am „Mythos der Negativselektion“ vorbei. Denn es halten sich hartnäckig viele Klischees über Lehramtsstudent*innen: Sie seien weniger leistungsorientiert, hauptsächlich extrinsisch motiviert, akademisch schwächer und weniger intelligent als ihre Kommiliton*innen, die ein anderes Studienziel verfolgen. Tatsächlich zeigen Lehramtsstudent*innen jedoch eine vergleichbare Leistungsbereitschaft.
Eine Untersuchung des IPN, die Lehramtsstudierende im MINT-Bereich mit Fachstudierenden verglich, fand keine Hinweise auf eine Negativselektion, insbesondere zeigten sich keine Unterschiede in den kognitiven Voraussetzungen bzw. der Intelligenz.
Obwohl bei Lehramtsstudent*innen keine Negativselektion erfolgt, erfahren sie – ähnlich wie ausgebildete Lehrkräfte – oft Abwertungen durch mediale Darstellungen. Sie werden häufig pauschal als Studienversager, als mittelmäßig begabt oder als unentschlossen charakterisiert. Auch Dozent*innen nehmen den Mythos der Negativselektion und entsprechende Medienberichte wahr, was sich – bewusst oder unbewusst – in ihrem Verhalten gegenüber Lehramtsstudent*innen widerspiegeln kann. Erste Studien zeigen, dass Lehramtsstudent*innen diese Abwertung wahrnehmen und sich weniger wertgeschätzt fühlen als ihre Kommiliton*innen im Fachstudium. Diese Wahrnehmung kann sich wiederum negativ auf ihre Studienleistungen auswirken. Darüber hinaus beeinflusst die wahrgenommene Wertschätzung das Gefühl sozialer Integration und den Gedanken, das Studium eventuell abzubrechen. Dies ist unter dem Aspekt des in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern bestehenden Lehrkräftemangels ein alarmierender Befund.

Abbildung 2: Wahrgenommene Wertschätzung von Lehramtsstudierenden für verschiedene Studienfächer, die an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Lehramt angeboten werden. Die Fragen zur Wertschätzung konnten von (1) trifft überhaupt nicht zu bis (4) trifft völlig zu beantwortet werden.
Wertschätzung im Lehramtsstudium
Im Folgenden stellen wir die Ergebnisse einer am IPN durchgeführten Studie vor. Wir wollten wissen, ob sich individuelle und fachspezifische Unterschiede in der wahrgenommenen Wertschätzung bei Lehramtsstudent*innen zeigen und ob es Zusammenhänge zwischen der wahrgenommenen Wertschätzung und Aspekten des Wohlbefindens gibt. Des Weiteren interessierte uns, inwiefern sich die wahrgenommene Wertschätzung auf die Intention, das Studium abzubrechen, auswirkt.
In der Untersuchung wurden das Geschlecht und die Abiturnote der Student*innen einbezogen. Es wurde gefragt, wie zufrieden die Teilnehmer*innen im Allgemeinen mit ihrem Studium sind. Zudem wurde ihre emotionale Erschöpfung erfasst und auch, ob die Intention besteht, das Studium abzubrechen.
Die Teilnehmer*innen gaben an, inwieweit sie sich in ihren fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen wertgeschätzt fühlen (z. B. „In den fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen in meinem Hauptfach X geben mir die Lehrenden zu verstehen, dass sie mich für einen leistungsfähigen Studierenden halten“). Diese Frage bezog sich nur auf die fachwissenschaftlichen Veranstaltungen, nicht auf die ebenfalls von den Lehramtsstudent*innen zu besuchenden fachdidaktischen, pädagogischen oder bildungswissenschaftlichen Kurse. Es wurde auch ihr Enthusiasmus in Bezug auf die studierten Fächer erfasst – dabei geht es um die Begeisterung für die fachlichen Inhalte, nicht für das Unterrichten selbst. Abschließend machten die Student*innen Angaben dazu, wie zufrieden sie mit den fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen sind.

Abbildung 3: Die wahrgenommene Wertschätzung von Lehramtsstudierenden wirkt sich auf alle Aspekte des Wohlbefindens aus. Alle Skalen wurden vor der Berechnung vereinheitlicht (z-standardisiert), sodass die Koeffizienten Effekte in der Metrik von Standardabweichungen abbilden.
Die deskriptiven Ergebnisse zeigen, dass sich Lehramtsstudent*innen insgesamt durchaus wertgeschätzt fühlen.
Die weiteren Analysen geben einen vertieften Einblick in die Muster der wahrgenommenen Wertschätzung. Sie zeigen, dass ein Teil der Unterschiede auf individuelle Merkmale der Student*innen zurückzuführen ist: So berichten männliche Studenten sowie diejenigen mit einer besseren Abiturnote von einer höheren wahrgenommenen Wertschätzung durch ihre Dozent*innen.
Der deutlich größere Teil der Unterschiede lässt sich allerdings auf fachspezifische Faktoren zurückführen. Auf Fachebene zeigt sich, dass Lehramtsstudent*innen in den MINT-Fächern sich deutlich weniger wertgeschätzt fühlen. Zudem fühlen sie sich eher wert-geschätzt, wenn in ihrem Fach mehr Student*innen vertreten sind, die ebenfalls mit dem Ziel studieren, Lehrer*in zu werden.
Dass neben der Fächergruppe auch die Zusammensetzung der Student*innen im Fach zu beeinflussen scheint, wie sehr sie sich wertgeschätzt fühlen, kann mit dem Referenzrahmen der Dozent*innen zusammenhängen. In Fächern mit hoher Lehramtsquote fällt die Haltung gegenüber dieser Gruppe wohlwollender aus. Denkbar ist zudem, dass in diesen Fächern ein stärkerer Bezug zu schulpraktischen Inhalten besteht und sich die Lehramtsstudent*innen dadurch stärker gesehen und wertgeschätzt fühlen als in Fächern mit geringerem Anteil an Lehramtsstudent*innen.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die wahrgenommene Wertschätzung in engem Zusammenhang mit verschiedenen Aspekten des studentischen Wohlbefindens steht – darunter die Studienzufriedenheit, die emotionale Erschöpfung, die Zufriedenheit in den fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen sowie der Fachenthusiasmus. Darüber hinaus beeinflusste die wahrgenommene Wertschätzung auch die Überlegungen der Student*innen, ihr Studium abzubrechen.
Fazit

Lehramtsstudent*innen fühlen sich von ihren Dozent*innen in den fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen grundsätzlich wertgeschätzt. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Fächern. Die Ergebnisse der Befragung zeigen insbesondere, dass die Wertschätzung im MINT-Bereich im Vergleich mit den anderen Fachrichtungen als geringer wahrgenommen wird – also genau in den Fächern, in denen der Lehrermangel besonders gravierend ist. Die wahrgenommene Wertschätzung erwies sich zudem als relevanter Faktor für das Wohlbefinden der Lehramtsstudent*innen und ihre Überlegungen, das Studium abzubrechen.
Angesichts des bestehenden Lehrkräftemangels und der Tatsache, dass Studieninteressierte durch das öffentliche Bild von Lehrkräften unter Umständen abgeschreckt werden, sollte es im Interesse der Gesellschaft sein, das Image des Berufs positiv zu verändern. Gleichzeitig käme eine wertschätzende öffentliche Wahrnehmung auch den Lehrkräften, die bereits im Beruf stehen, zugute – etwa als zusätzliche Ressource gegen Stress im herausfordernden Schulalltag.
Über den Autor:

Dr. Bastian Carstensen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der IPN-Abteilung Erziehungswissenschaft und Pädagogische Psychologie sowie am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Der studierte Psychologe beschäftigt sich in seiner Forschung hauptsächlich mit Fragen rund um die sozial-emotionale Kompetenz und mentale Gesundheit von (angehenden) Lehrkräften und Schüler*innen. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Unterstützung leistungsschwacher Schüler*innen sowie von Schüler*innen mit relevanten Bildungsrisiken.bcarstensen@leibniz-ipn.de
Weiterführende Quellen:
Klusmann, U., Aldrup, K., Roloff-Bruchmann, J., Carstensen, B., Wartenberg, G., Hansen, J., & Hanewinkel, R. (2023). Teachers’ emotional exhaustion during the COVID-19 pandemic: Levels, changes, and relations to pandemic-specific demands. Teaching and Teacher Education, 121, Article 103908. https://doi.org/10.1016/j.tate.2022.103908
Roloff Henoch, J., Klusmann, U., Lüdtke, O., & Trautwein, U. (2015). Who becomes a teacher? Challenging the “negative selection” hypothesis. Learning and Instruction, 36(April 2015), 46-56. https://doi.org/10.1016/j.learninstruc.2014.11.005
Carstensen, B., Lindner, C., & Klusmann, U. (2024). Wahrgenommene Wertschätzung im Lehramtsstudium: Fachunterschiede und Effekte auf Wohlbefinden und Abbruchsintention. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 38(3), 181–194. https://doi.org/10.1024/1010-0652/a000337
Carstensen, B., Buts, M., & Klusmann, U. (2023). Die Effekte medialer Berichterstattung während der COVID-19-Pandemie auf (angehende) Lehrkräfte: Eine experimentelle Studie zum Erleben von Anerkennung und Metastereotypen. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 70(3), 208-221. https://doi.org/10.2378/peu2023.art06d