Was Studierende wollen und brauchen
Digitale Bildungsangebote passgenau entwickeln
von Carolin Flerlage
In Schleswig-Holstein wurde im Rahmen des Projekts Future Skills eine digitale Bildungsplattform für Hochschulen entwickelt. Ziel war es, Studierenden eine flexible und praxisnahe Weiterbildung zu den Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz zu ermöglichen. Das IPN untersuchte die Bedürfnisse und Wünsche der Studierenden, um diese bei der Entwicklung der Angebote berücksichtigen zu können.

Im Rahmen des Projekts Future Skills wurde in Schleswig-Holstein eine digitale Lernplattform für Hochschulen mit frei zugänglichen Onlinekursen zu den Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz entwickelt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie solche digitalen Lernangebote gestaltet sein müssen, damit sie von Studierenden tatsächlich genutzt werden. Das Ziel der projektbegleitenden Forschung des IPN war es, Empfehlungen für eine zielgruppenspezifische Gestaltung einer digitalen Bildungsplattform zu geben. Dabei sollten sowohl motivationale als auch kognitive Voraussetzungen der Studierenden berücksichtigt werden. Hierbei standen folgende Fragen im Fokus: Welche Bedürfnisse und Motive bewegen sie dazu, digitale Lernangebote zu nutzen? Welche digitalen Kompetenzen bringen sie mit? Und bestehen Unterschiede zwischen Studierenden unterschiedlicher Fachrichtungen?
Um diese Fragen zu beantworten, wurde zu Beginn des Wintersemesters 2021/2022 eine Online-Fragebogenstudie an allen schleswig-holsteinischen Hochschulen durchgeführt. Die Studie erfasste Einstellungen zu digitalen Angeboten, Selbstwirksamkeit und einer Selbsteinschätzung der eigenen digitalen Kompetenzen sowie erwartete Schwierigkeiten, Motivation und Wünsche zur Gestaltung digitaler Bildungsangebote – etwa bevorzugte Themengebiete. Außerdem wurde unter anderem der jeweilige Fachbereich der Teilnehmenden berücksichtigt. Insgesamt nahmen 1644 Studierende von acht Hochschulen in Schleswig-Holstein teil.
Was motiviert Studierende?
Die Studie identifizierte drei Hauptmotivationen für die Nutzung digitaler Lernangebote bei den Studierenden:
- Flexibilität (die Möglichkeit, zeit- und ortsunabhängig zu lernen),
- Nützlichkeit (die berufliche und persönliche Relevanz) und
- Kollaboration (der Austausch mit anderen Studierenden).
Unabhängig von der Fachrichtung waren die Studierenden besonders dann motiviert, wenn das digitale Angebot flexibles Lernen ermöglichte und die Kursinhalte einen direkten Bezug zu den Studieninhalten hatten. Weniger Wert legten sie dagegen auf die Möglichkeit zur Zusammenarbeit. Dies legt nahe, dass digitale Bildungsangebote insbesondere auf individuelle Lernprozesse ausgerichtet werden sollten, während kollaborative Elemente in geeigneten Lernsituationen eingebettet werden könnten.

Abbildung 1: Nutzung einer digitalen Lernplattform: Mittelwerte der Motivation von Studierenden, digitale Lernangebote zu nutzen, hinsichtlich Flexibilität (M = NichtMINT 3.57/ MINT 3.46), Kollaboration (M = 2.86/2.73) und Nützlichkeit (M = 3.35/3.19), unterteilt nach Teilnehmer* innen, die ein sozial- oder geisteswissenschaftliches Fach (Nicht-MINT)- bzw. ein Fach mit Bezug zur Mathematik, Informatik, zu den Naturwissenschaften oder der Technik (MINT) studierten. 1 = „stimme nicht zu“; 4 = „stimme zu“
Fachspezifische Angebote sind wichtig
Studierende der MINT- (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sowie der sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächer (Nicht-MINT) haben also eine ähnliche Grundmotivation, digitale Lernangebote zu nutzen. Gleichzeitig besteht ein deutlicher Bedarf an fachspezifischen Kursen. Beide Gruppen bevorzugen vor allem Grundlagenwissen und aktuelle Themen, die einen direkten Bezug zur eigenen Fachrichtung aufweisen.

Abbildung 2: Mittelwerte von Studierenden, unterteilt danach, ob sie ein Fach mit Bezug zu den MINT-Fächern (MINT-Studierende) und ohne Bezug zu den MINT-Fächern (Nicht-MINT-Studierende) studieren. Gefragt wurde nach gewünschten Themengebieten von digitalen Bildungsangeboten. * p < .05; ** p < .01. 1 = „stimme nicht zu“; 4 = „stimme zu“
MINT ist nicht gleich MINT
Interessant ist, dass innerhalb der MINT-Studierenden Unterschiede bestehen. Teilnehmer*innen der Studie, die ein naturwissenschaftliches Fach studierten, unterschieden sich in mehreren Aspekten von den übrigen MINT-Studierenden (kurz: MIT-Studierende):
- Einstellung zu digitalen Medien: MITStudierende bewerteten digitale Medien insgesamt positiver als Studierende der Naturwissenschaften
- Technikaffinität und digitale Kompetenzen: MIT-Studierende zeigten eine höhere Technikaffinität und schätzten ihre digitalen Kompetenzen höher ein als Studierende eines naturwissenschaftlichen Fachs.
- Erwartete Schwierigkeiten: Studierende eines naturwissenschaftlichen Faches erwarteten im Vergleich zu MIT-Studierenden mehr Schwierigkeiten bei der Nutzung digitaler Lernangebote.

Diese einstellungsbezogenen und kognitiven Unterschiede zwischen Studierenden der naturwissenschaftlichen Fächer und Studierenden eines MIT-Fachs könnten durch verschiedene Denk- und Arbeitsweisen innerhalb der MINT-Fächer bedingt sein. Während in den Naturwissenschaften oft experimentell und empirisch gearbeitet wird, wird in den Ingenieurwissenschaften und der Informatik eher modellbasiert und konstruierend vorgegangen. Daher gilt: Digitale Bildungsangebote sollten nicht nur fachgruppengerecht, sondern auch innerhalb einzelner Fachgruppen passgenau entwickelt werden. Hinsichtlich der untersuchten Felder – Flexibilität, Kollaboration und Nützlichkeit – bestanden zwischen den Studierenden von MIT-Fächern und denen, die ein naturwissenschaftliches Fach studieren, keine Unterschiede.
Fazit
Die Ergebnisse zeigen, dass digitale Bildungsangebote fachspezifisch ausgerichtet sein sollten, um Studierende gezielt zu unterstützen. Zudem verdeutlicht die Studie, dass die Inhalte praxisnah gestaltet sein sollten. Da sich manche Studierende im Umgang mit digitalen Lernangeboten unsicher fühlen und Schwierigkeiten erwarten, sollten entsprechende Lerngelegenheiten gezielt darauf eingehen. Ebenso sollte der Wunsch nach zeitlicher und örtlicher Flexibilität im Rahmen der Gestaltungsmöglichkeiten berücksichtigt werden. Die festgestellte geringe Bedeutung der Kollaborationsmöglichkeiten beim digitalen Lernen wirft außerdem die Frage auf, ob soziale Interaktion stärker durch Präsenzveranstaltungen gefördert werden sollte.
Das Folgeprojekt Digital Learning Campus (DLC) knüpft genau hier an, indem es bewusst digitale Angebote mit Präsenzformaten kombiniert. Gleichzeitig entsteht ein Netzwerk aus Hochschulen und Unternehmen in Schleswig-Holstein, das Studierende gezielt auf die Anforderungen der Arbeitswelt vorbereiten soll. Auch dieses Projekt wird durch Forschung am IPN begleitet, um die Bedürfnisse von Studierenden und weiteren Zielgruppen zu verstehen und in die Gestaltung einzubeziehen – sowohl in motivationaler als auch in kognitiver Hinsicht.
Über die Autorin:

Dr. Carolin Flerlage hat Chemie und Mathematik für das Lehramt studiert. Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am IPN in der Abteilung Didaktik der Chemie. Ihr Forschungsinteresse sind die Bedürfnisse und Motive der Lernenden im Kontext der digitalen Bildung. Die hier vorgestellten Ergebnisse sind Teile ihrer Dissertation. flerlage@leibniz-ipn.de
Weiterführende Quellen:
Website des Digital Learning Campus: https://dlc.sh
Flerlage, C. (2024). Alles eine Frage der Einstellung?: Einflussfaktoren auf die Motivation zur Nutzung und Erstellung von digitalen Bildungsangeboten bei Studierenden des Lehramts und der MINT-Fächer. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:8:3-2024-00008-4
Flerlage, C., Bernholt, A., & Parchmann, I. (2023). MOOCs in der Hochschullehre – Motive und Erwartungen von Hochschullehrenden und Studierenden. Zeitschrift für Hochschulentwicklung, 18(1). DOI: 10.3217/zfhe-18-01/10
Flerlage, C., Bernholt, A. & Parchmann, I. (2023). Motivation to use digital educational content – differences between science and other STEM students in higher education. Chemistry Teacher International, 5(2), 213-228. https://doi.org/10.1515/cti-2022-0035