Neue Professorin für Didaktik der Chemie mit Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation an IPN und CAU

Seit kurzem verstärkt Prof. Dr. Friederike Hendriks das Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) sowie die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Sie übernimmt die Professur für „Didaktik der Chemie mit Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation“ und bringt ihre Forschung zu den Themen Wissenschaftskommunikation, Vertrauen in Wissenschaft und Beteiligung von Bürger*innen an Forschung nach Kiel.

Vor ihrem Wechsel nach Kiel leitete Prof. Dr. Hendriks die Nachwuchsforschungsgruppe „fourC – Communicating Scientists: Challenges, Competencies, Contexts“ an der Technischen Universität Braunschweig. Die interdisziplinäre Forschungsgruppe beschäftigte sich mit Wissenschaftler*innen als Akteur*innen der Wissenschaftskommunikation und nutzte dafür theoretische Zugänge und Methoden aus Psychologie und Kommunikationswissenschaft. Unter anderem entwickelte und evaluierte die Gruppe evidenzbasierte Trainingsprogramme, die junge Wissenschaftler*innen auf Wissenschaftskommunikation und den Austausch mit unterschiedlichen Zielgruppen vorbereiten.

Studiert und im Fach Psychologie promoviert hat Prof. Dr. Hendriks an der Universität Münster. Anschließend arbeitete sie unter anderem bereits am IPN in Kiel, bevor sie die Leitung der Nachwuchsgruppe in Braunschweig übernahm.

Am IPN möchte Prof. Dr. Hendriks mit ihrem Team nun insbesondere in die Forschungslinie zu Wissenschaftskommunikation und extracurricularem Lernen hineinwirken. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit wird die Frage sein, wie Wissenschaftskommunikation innerhalb wissenschaftlicher Organisationen verstanden und gelebt wird – von Forschenden, aber auch vor dem Hintergrund eines neuen Berufsbilds professioneller Kommunikator*innen. In diesem Kontext leitet sie gemeinsam mit Prof. Dr. Ilka Parchmann ein DFG-Netzwerk zu Science Outreach in Großforschungsprojekten.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der öffentlichen Wahrnehmung von Wissenschaft. Dabei erforscht Prof. Dr. Hendriks, wann Forschende als vertrauenswürdig wahrgenommen werden und wie sich die Beteiligung von Bürger*innen – etwa im Bereich Citizen Science – auf Vertrauen in Wissenschaft auswirkt. Dafür nutzt ihr Team unter anderem experimentelle Studien und arbeitet eng mit dem Kiel Communication Network (KielSCN) zusammen.

Wir haben Prof. Dr. Hendriks in einem Interview gebeten, mehr über ihre Forschung, ihre Pläne und ihre Perspektiven auf Wissenschaftskommunikation zu erzählen.

IPN: Was fasziniert Sie persönlich an Wissenschaftskommunikation und warum ist sie heute wichtiger denn je?

Prof. Dr. Hendriks: Für mich war Wissenschaftskommunikation als Forschungsthema ein großer Motivator. Man darf sich beruflich Fragen stellen, die gesellschaftlich höchst relevant sind: Wie können wir – meist ja nur auf Grundlage der jeweiligen eigenen schulischen Bildung – mit Fragen umgehen, zu denen es keine einfachen Antworten gibt, etwa im Kontext von Gesundheit, Ernährung, oder Nachhaltigkeit?

Wie wichtig es ist, dass Menschen wissenschaftliches Wissen nicht nur zur Beantwortung solcher Fragen nutzen können, sondern auch grundsätzlich darauf vertrauen, dass man sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren kann, haben wir unlängst während der COVID-19 Pandemie erlebt. Gerade wenn es um die Bewältigung großer sozio-wissenschaftlicher Problemlagen wie Klimawandel oder die Nutzung von KI in Medizin oder Bildung geht, ist ein grundlegendes Wissenschaftsverständnis genauso wichtig wie Vertrauen in Wissenschaft.

Um dieses Verstehen und Vertrauen in Wissenschaft bestmöglich zu unterstützen, braucht es darüber hinaus dann eine evidenzbasierte und verantwortungsvolle Praxis der Wissenschaftskommunikation, die sich damit beschäftigt, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse so aufbereitet werden können, dass sie bestmöglich an Zielpersonen außerhalb der Wissenschaft vermittelt werden können. Deshalb ist Wissenschaftskommunikation für mich immer auch eng mit naturwissenschaftlicher Bildung verknüpft.

IPN: In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit Vertrauen in Wissenschaft. Welche Faktoren beeinflussen aus Ihrer Sicht besonders, ob Menschen Forschenden vertrauen?

Prof. Dr. Hendriks: Wichtig zu differenzieren ist dabei einerseits das Vertrauen in Wissenschaft als Einstellung, wie es oft in großen Befragungen abgefragt wird, also einer allgemeinen positiven Haltung gegenüber Wissenschaft und seinen Ergebnissen, und andererseits einem situativ adaptiven, kritischen „epistemisches Vertrauen“. Wir konnten zeigen, dass Menschen spontan in der Lage sind, aufgrund kleiner Hinweise in einer Nachricht (z.B. einer Pressemitteilung) zu schlussfolgern, ob ein Experte Expertise, Integrität, und Wohlwollen besitzt, also Eigenschaften, die zusammen die Vertrauenswürdigkeit bilden. Beispielsweise wird einer Wissenschaftlerin dann mehr Vertrauenswürdigkeit zugeschrieben, wenn sie sich an rigorose Standards hält, und insbesondere mehr Integrität und Wohlwollen, wenn sie Fehler korrigiert, Unsicherheiten, benennt, oder die Grenzen ihres eigenen Wissens deutlich markiert. Dagegen wird ihr weniger vertraut, wenn wirtschaftliche Eigeninteressen erkennbar sind.

Solche Ergebnisse haben Implikationen für die Schule: Wie können wir Schülerinnen und Schüler darin befördern, ihr Wissenschaftsverständnis zu nutzen, um differenzierte informierte Vertrauensurteile zu treffen? Hier sehe ich besonders viele Anknüpfungspunkte an die Forschung am IPN.

IPN: Welche Rolle spielt Wissenschaftskommunikation heute für Forschende selbst? Hat sich das Berufsbild von Wissenschaftler*innen verändert?

Prof. Dr. Hendriks: Ja, ich denke schon. Wissenschaftskommunikation war eigentlich schon immer eine Begleitaufgabe von Forschung, aber Fördermittelgeber fordern in den letzten Jahren, dass Wissenschaftskommunikation stärker mitgedacht wird, z.B. als Kommunikationsstrategie schon in Projektanträgen. Und natürlich denkt man bei Wissenschaftskommunikation auch gleich Forschende, die in den Medien sehr sichtbar sind.

Das löst manchmal Druck aus, weil eine neue Aufgabe in ein sowieso schon vielfältiges berufliches Profil eingepasst werden muss. Daher war es uns bei der Entwicklung von Trainings zur Wissenschaftskommunikation so wichtig, nicht nur Basiskompetenzen zu vermitteln (Was ist die Kernbotschaft, wie bringe ich sie auf den Punkt, und wie interessiere mein Publikum dafür?), sondern auch eine reflektive Haltung zu vermitteln (Wann verlasse ich die Grenzen des eigenen Wissens, wann kreuze ich die Grenzen zwischen wissenschaftlich und politisch begründeter Position?) – und auch eine eigene Positionierung zu finden (Passt zu mir mehr das Rollenbild einer Lehrperson oder möchte ich mich auch politisch zeigen? Wo kann ich persönlich die größte Wirkung entfalten? Was sind potenzielle Gefahren?). Jeder sollte und darf hier eine eigene Rollenidentität finden.

Ich denke also, dass Forschende eine persönliche Grundhaltung zur Wissenschaftskommunikation entwickeln sollten, damit bei Bedarf die gelernten Fähigkeiten und Fertigkeiten abrufbar sind und die eigenen Stärken optimal ausgespielt werden können. Dazu gehört durchaus auch mal, eine Anfrage bewusst abzulehnen. 

IPN: Sie arbeiten zu Citizen Science und partizipativer Forschung. Welche Chancen sehen Sie darin für Wissenschaft und Gesellschaft?

Prof. Dr. Hendriks: Erstens braucht Wissenschaft manchmal die Mitwirkung vieler Personen, gerade wenn große Datenmengen gesammelt oder ausgewertet werden müssen, oder wenn eine Daten- oder Wissensgrundlage anderweitig gar nicht zugänglich wäre. Und zweitens ermöglicht partizipative Forschung auch Mitbestimmung aller, die direkt mit ihren Ergebnissen konfrontiert sind, zum Beispiel in der Behandlung von Patient:innen oder bei der Gestaltung von Stadtquartieren.

Allerdings könnte man auch vermuten, dass als Folge von Partizipation Vertrauen auf unterschiedlichen Ebenen neu verhandelt werden muss: Bestehende Machthierarchien werden hinterfragt, aber auch stereotype Vorstellungen davon, wie Wissenschaft funktioniert („nur im Labor“; „nur zu abstrakten Themen“). In einer online-repräsentativen Befragung haben wir untersucht, wie Citizen Science in einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Ein Ergebnis war, dass Citizen Science mehr Nutzen für die Gesellschaft zugesprochen, aber wissenschaftliche Legitimität abgesprochen wurde. Für die Wissenschaftskommunikation ist also wichtig, Citizen Science Projekte nicht nur als gemeinwohlorientierte Initiativen vorzustellen, sondern aufzuzeigen, dass sie auch wertvolles Wissen generieren können.

IPN: Welche Themen und Projekte möchten Sie in den kommenden Jahren am IPN und an der CAU besonders voranbringen?

Prof. Dr. Hendriks: An erster Stelle freue ich mich darauf mit den exzellenten Kolleg:innen aus Fachdidaktik und Fachwissenschaft gemeinsam zu arbeiten. Ich glaube, dass gerade die Chemie und ihre Kontexte für Wissenschaftskommunikation spannend sind, zum Beispiel kann Chemie ja auch im Kontext von Klimawandel und Nachhaltigkeit viel relevantes Wissen beitragen, in Kiel zum Beispiel zum Thema Ozeanversauerung oder in der Batterieforschung. Auch es gibt auch viele weitere spannende Anknüpfungspunkte für Kommunikation, die Chemie bietet zum Beispiel die Möglichkeit originär Neues zu schaffen, aber auch eine (kommunikativ anspruchsvolle) hohe begriffliche und konzeptuelle Vielfalt.

Ein zentrales Thema der nächsten Jahre wird zudem sicherlich sein, Wissenschaftskommunikationsforschung und Begleitforschung von Science Outreach stärker zu systematisieren – als Grundlage einer evidenzbasierten Praxis – was natürlich auch ein optimaler Anknüpfungspunkt für zukünftige gemeinsame Forschungs- und Praxisprojekte ist!